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{ Fragebogen nach Max Frisch - Tod }

Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr? Nein, habe ich nicht. Ich habe Angst vor Schmerzen.
Was tun Sie dagegen? Ich informiere mich über Morphium. ;-)
Haben Sie keine Angst vor dem Tod (weil Sie materialistisch denken, weil Sie nicht materialistisch denken), aber Angst vor dem Sterben? Angst vor dem Sterben kann man das nicht nennen. Ich habe Angst, mit einer schlimmen Diagnose noch irgendwelche "letzten Monate" verbringen zu müssen mit dem Wissen um den nahen Tod.
Möchten Sie unsterblich sein? NEIN!
Haben Sie schon einmal gemeint, dass Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen:
a. was Sie hinterlassen?
b. die Weltlage?
c. eine Landschaft?
d. dass alles eitel war?
e. was ohne Sie nie zustandekommen wird?
f. die Unordnung in den Schubladen?
Nicht sehr viel, aber zu
a. ich habe Erben
b. ist mir egal
c. nein
d. das schon eher
e. nein
f. ja, vielleicht
Wovor haben Sie mehr Angst: dass Sie auf dem Totenbett jemand beschimpfen könnten, der es nicht verdient, oder dass Sie allen verzeihen, die es nicht verdienen? Wenn schon, dann eher vor dem Schimpfen. Letzteres wäre mir egal.
Wenn wieder ein Bekannter gestorben ist: überrascht es Sie, wie selbstverständlich es Ihnen ist, dass die andern sterben? Und wenn nicht: haben Sie dann das Gefühl, dass er Ihnen etwas voraushat, oder fühlen Sie sich überlegen? Nein, es überrascht mich nicht, denn ich finde es selbstverständlich, daß man stirbt. Auf jeden Fall finde ich, daß er mir etwas voraus hat: er weiß nun, was danach kommt und ob überhaupt.
Möchten Sie wissen, wie Sterben ist? Ich werd's schon merken zu gegebener Zeit. Da übe ich mich eher in Geduld.
Wenn Sie sich unter bestimmten Umständen schon einmal den Tod gewünscht haben und wenn es nicht dazu gekommen ist: finden Sie dann, dass Sie sich geirrt haben, d. h. schätzen Sie infolgedessen die Umstände anders ein? Ja.
Wem gönnen Sie manchmal Ihren eignen Tod? Ich würde sicher nicht sterben wollen, um anderen weh zu tun oder anderen eine Freude zu machen!
Wenn Sie gerade keine Angst haben vor dem Sterben: weil Ihnen dieses Leben gerade lästig ist oder weil Sie gerade den Augenblick genießen? Es gibt ja wohl noch ein "dazwischen"...
Außerdem habe ich nicht unbedingt Angst vor dem Sterben.
Was stört Sie an Begräbnissen? Das verlogene Gerede. Außerdem gehe ich sowieso schon lange nicht mehr hin.
Wenn Sie jemand bemitleidet oder gehasst haben und zur Kenntnis nehmen, dass er verstorben ist: was machen Sie mit Ihrem bisherigen Hass auf seine Person beziehungsweise mit Ihrem Mitleid? Alles weg. Tot ist tot.
Haben Sie Freunde unter den Toten? Es sind viele gestorben als sie noch Freunde waren. Ob sie es heute noch wären, weiß ich nicht.
Wenn Sie einen toten Menschen sehen: haben Sie dann den Eindruck, dass Sie diesen Menschen gekannt haben? Nein, nicht den, der da liegt.
Haben Sie schon Tote geküsst? Nein.
Wenn Sie nicht allgemein an Tod denken, sondern an Ihren persönlichen Tod: sind Sie jeweils erschüttert, d. h. tun Sie sich selbst leid oder denken Sie an Personen, die Ihnen nach Ihrem Hinschied leidtun? Mir tun eher die anderen leid.
Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.? Ich würd's gern wissen, aber höchstens 1 Tag vorher. Länger nicht. Es gibt ein paar Dinge, die dann noch schnell erledigt werden müßten.
Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten? Das ist mir egal. Meinetwegen im Garten bei all meinen Tieren. ;-)
Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, dass man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat? Keine Ahnung.
Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor? Ich würde den Tod allen Qualen vorziehen.
Wenn Sie an ein Reich der Toten (Hades) glauben: beruhigt Sie die Vorstellung, dass wir uns alle wiedersehen auf Ewigkeit, oder haben Sie deshalb Angst vor dem Tod? Ich glaube nicht an ein Reich der Toten.
Können Sie sich ein leichtes Sterben denken? Ja durchaus. Und wünschen würde ich es mir auch.
Wenn Sie jemand lieben: warum möchten Sie nicht der überlebende Teil sein, sondern das Leid dem andern überlassen? Ich möchte, daß die in der Natur übliche Reihenfolge nicht durcheinandergerät. Die Alten vor den Jungen, die Kranken vor den Gesunden.
Wieso weinen die Sterbenden nie? Ach? Tun sie das nicht? Tja. Wenn es denn so sein sollte: vielleicht ist das Sterben ja sehr schön.

 


Dieser Fragebogen ist aus dem Buch von Max Frisch "Fragebogen":
gebundene Ausgabe: Taschenbuch:
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